Impuls zum 23. Sonntag im Jahreskreis - 06.09.2020


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.                                                          Mt 18,15-20

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
15 Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. 17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.
19 Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.
20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus

Gedanken:

Es ist immer schön, miteinander ins Quatschen zu kommen. Beim Einkaufen oder sonst wo, treffe ich Menschen und freue mich, wenn wir ein bisschen reden können. Manchmal ist weniger Zeit und dann ist es schwierig, das Gespräch so zu führen, dass der Gesprächspartner sich nicht beleidigt oder missachtet fühlt.

Leicht ist das nicht und nur selten traut man sich zu sagen: Du ich hab gar keine Zeit. Manchmal taucht man eher unter und tut so als habe man niemanden gesehen und da bleibt ein komisches Gefühl auf allen Seiten.

Oder Sie gehen Essen und finden dies oder jenes am Essen zu bemängeln. Vielleicht war es zu kalt oder zu scharf, oder zu durch oder einfach nur nicht ihr Geschmack.

Dann kommt die Bedienung und fragt: „Darf ich schon abräumen?“ und, „Hat es Ihnen geschmeckt?“

Sie wissen, es ist manchmal nur eine Floskel und wir antworten darauf mit der Floskel: Ja, danke war alles gut – und das obwohl wir uns die ganze Zeit geärgert haben, dass das Essen eben so und so und nicht so ist, wie wir es erwartet haben.

Und dann geht man und erzählt bei möglichen Gelegenheiten davon, dass das Essen ja gar nicht gut war.

Warum sind wir so? Warum sagen wir nicht, wenn wir keine Zeit haben oder warum sagen wir nicht, wenn uns etwas nicht schmeckt?

Ich denke, die Antwort ist ganz einfach:

Wir wollen ja niemanden verletzen, wir wollen niemanden beleidigen und wir wollen nicht kontrolliert werden und unsere Freiheit haben, deshalb sagen wir nichts. Die Bedienung kann ja nichts dafür, heißt es dann. Den anderen geht es nichts an, warum ich es eilig habe. Und ich selbst möchte mich nicht rechtfertigen müssen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn wir in diesen Wochen auf die Nachrichten schauen, dann ist das aber etwas, was scheinbar in den USA gerade ganz nötig ist.

Es gilt sich dort in einigen Städten, auch durch die Regierung angeheizt, zu rechtfertigen, warum man auf die Straße geht. Warum man die Stimme erhebt um für Gleichbehandlung, Gerechtigkeit und Freiheit zu demonstrieren.

Ähnlich auch in Belarus. Und viele von der Querdenkerbewegung bei uns in Deutschland sehen sich in der gleichen Position.

Sie alle erheben Ihre Stimme, um etwas zu verändern und Rechte einzuklagen, die sie dort nicht haben oder gefühlt bei uns in Deutschland gerade entzogen bekommen.

Und viele Kritiken im Internet sind manchmal mehr als unter der Gürtellinie, weil das ja fast anonym ist, und nicht immer sofort erkennbar ist, wer hinter dieser Kritik steht.

Wenn ich das Evangelium heute so höre, dann fordert uns Jesus aber auf mutig zu werden.

Kritisiere offen – sprich nicht hinterrücks über die Macken und Fehler von jemand anderem.

Kritisiere mutig, was Dir gerade nicht gefällt und sei bereit, Kritik anzuhören und Deine Position zu verändern.

Denn wer seinen Bruder korrigieren soll, muss doch damit rechnen, dass der auch Mängel am Anderen erkennt.

Und so manches, was wir kritisieren wird plötzlich ganz klein, wenn wir hören, warum jemand so reagiert.

Und seinen Bruder, also jemand ganz nahestehenden zu korrigieren ist schon eine Herausforderung, aber er und sie weiß vielleicht, dass ich nichts Böses will. Es kann beim Fremden noch viel schwieriger sein, manchmal aber auch einfacher, weil man sich nicht so nahe steht.

Jesus fordert von uns allen, unbequem zu sein. Wir hier haben auch Grund aufzustehen. Wir haben Grund uns dafür einzusetzen, das Leben geschützt wird und diejenigen denen es nicht gut geht, hier noch mehr ein Zuhause zu bieten. Und das die, die für uns in öffentlichen Diensten eintreten, dafür auch wertgeschätzt werden und nicht noch zusätzlich zu Unrecht niedergemacht werden.

Das erfordert Mut, das erfordert Bereitschaft, aber das gibt uns auch was.

Zunächst einmal neues, reflektiertes Bewusstsein.

Bevor ich kritisiere muss ich genau prüfen – ist das etwas, was nur mich stört oder nur mich betrifft? Dann ist es wichtig, dass im direkten Gespräch zu klären.

Oder ist es etwas, dass mehrere von uns „be“trifft? Dann gilt es sich zu versichern, ist das auch so oder meine ich das nur?

Und wenn das so ist, finde ich Mitstreiter, die mit mir für das gleiche eintreten?

Dadurch entwickeln wir neben dem Bewusstsein auch Selbstbewusstsein und plötzlich auch ein ganz neues Wir Gefühl, einen Zusammenhalt.

Und wenn wir kritisieren und wenn wir versuchen jemanden auf den richtigen, also auf einen Weg zum Wohl der Allgemeinheit zu bringen, und das gelingt uns, dann haben wir auch noch einen Erfolg, der uns zeigt, dass es sich lohnt wahr und ehrlich zu leben.

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist schwer, andere sachlich zu kritisieren und noch schwerer, Kritik als sachlich zu akzeptieren, wenn es doch um unser Leben geht. Aber bitte, lasst es uns versuchen.
So zeigen wir, dass wir geschwisterlich leben wollen. So zeigen wir, dass wir eine Familie in Gott sind und dass er und seine Gebote uns wichtig sind.

Amen.

Gebet:

Gütiger Gott, du hast uns durch deinen Sohn erlöst und als deine geliebten Kinder angenommen. Sieh voll Güte auf alle, die an Christus glauben, und schenke ihnen die wahre Freiheit und das ewige Erbe. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn unseren Herrn und Gott, der in der Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist mit dir lebt und wirkt in Ewigkeit. Amen.

Ralf Wellbrock