Impuls zum Freitag der 12. Woche im Jahreskreis - 26.06.2020

Die größte Katastrophe ist das Vergessen
Noch vor einem Jahr erschien uns vieles, was wir derzeit erleben, als unvorstellbar. Ein Virus, das die ganze Welt lähmt und keine Grenzen kennt.
Ein Europa, das plötzlich wieder Grenzen kennt. Das, zumindest vorübergehend, seine Grenzen dicht gemacht hat.
Einmal um – durch Einschränkungen der Reisefreiheit – dem Virus möglichst Halt zu gebieten.
Ein Europa aber auch, das seine Grenzen dicht gemacht hat aus einem ganz anderen Grund, der überhaupt nicht einzusehen und eher Not verursachend als notwendig ist: um Flüchtlinge auf ihrer verzweifelten Suche nach einer neuen Heimat an der Einreise zu hindern.
So wie dies vor einiger Zeit an der griechisch-türkischen Grenze geschehen ist. Als wären Flüchtlinge Viren, die man am Eindringen hindern muss, und nicht Menschen.
Hier ist eine ganz andere Grenze erreicht oder vielmehr überschritten: die des Anstands, der Ethik und der Moral. Liebe, Mitgefühl und Solidarität mit Menschen in Not dürfen keine Grenzen kennen.
Die Corona-Krise wie die Flüchtlingsproblematik gehören, schon allein quantitativ, zu den brennendsten Problemen unserer Zeit.

In beiden Fällen geht die Zahl der Betroffenen in die Millionen. In wie viele, dies ist bei der Corona-Problematik schwer zu beziffern, weil jede Statistik eine Woche später schon wieder veraltet ist angesichts der exponentiellen Verbreitung des Virus.

Was die Zahl der Geflüchteten betrifft, so haben wir hier eine etwas klarere, aber dafür mindestens ebenso erschreckende Vorstellung: Über 70 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Wir erleben damit gerade den größten Exodus in der Geschichte.

Was uns dabei selten bewusst wird und was Rechtspopulisten stets gerne verschweigen: Die überwiegende Mehrzahl dieser Flüchtlinge will gar nicht die Grenzen von Europa überschreiten, sie will nicht einmal die Grenzen ihres Heimatlandes überschreiten, sie sind Flüchtlinge im eigenen Land: Insgesamt 41 Millionen Menschen sind, laut der jüngsten Statistik der UNO, derzeit Binnenflüchtlinge.
Ihre Lage ist besonders schlimm, weil sie nicht unter die gängige Flüchtlingsdefinition fallen, ihnen daher auch nicht dieselben Rechte zugestanden werden und weil keine internationale Konvention sie schützt.

Auf sie besonders wie auf alle, die unter der Corona-Krise am härtesten leiden, richtet die ökumenische Kampagne „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“ dieses Jahr ihr besonderes Augenmerk. Ausgerichtet wird die Kampagne seit Jahren von den Hilfsorganisationen der beiden großen konfessionellen Kirchen:

Von Caritas international,
dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes
und der Diakonie Katastrophenhilfe.

Sie richten dabei unseren Blick auf das, worauf wir selten oder gar nicht hinsehen - vielleicht weil wir es wirklich vergessen haben, vielleicht auch, weil wir uns schon zu sehr daran gewöhnt haben, vielleicht auch, weil die Medien nicht gebührend darüber berichten.

Viel berichtet wurde und wird in den Medien zwar in diesem Jahr von der Corona-Krise, meist aber mit dem Fokus auf die Situation in unserem Land oder in Europa. Es ist verständlich, dass man die eigene Betroffenheit priorisiert. Aber dies birgt auch die Gefahr, dass man dabei jene vergisst, die geographisch weiter weg, aber auch weit stärker betroffen sind.
Denn während man sich in Deutschland auf ein funktionierendes Sozialsystem und eine gute medizinische Versorgung verlassen kann, trifft es die Menschen in vielen Ländern besonders hart, in denen sie ohnehin arm und von humanitärer Hilfe abhängig sind.
Länder, in denen mangelhafte hygienische Verhältnisse herrschen. In denen es oft nur eine schlechte Gesundheitsversorgung gibt. Keine soziale Absicherung. Und zu wenig sauberes Wasser zum Händewaschen. Es steht fest, dass Menschen im Krieg, auf der Flucht und in bitterer Armut ohne Hilfe diese Krise nicht überleben.

Unermüdlich sind daher humanitäre Helferinnen und Helfer der Caritas und der Diakonie damit beschäftigt, die Menschen in solchen Ländern über die Seuche aufzuklären, Präventionsmaßnahmen durchzuführen und „nebenher“ weiterhin die Grundversorgung für die Menschen in Not zu leisten.

Eine Hilfe, die sich besonders schwierig gestaltet, weil erstmals in der Geschichte die Helferinnen und Helfer selbst eingeschränkt sind. Sie haben Herausforderungen zu lösen wie:

  • Wo besorgen wir Schutzmaterialien wie Atemmasken und Handschuhe?
  • Wie sind die Erfahrungen mit der Verteilung von Lebensmitteln unter Vermeidung von Menschen-Ansammlungen?
  • Welche Aufgaben müssen aufgrund der aktuellen Situation völlig neu und anders angegangen werden als bisher?

Solches Engagement führt uns auf beeindruckende Weise vor Augen: So wie es für das Coronavirus keine Grenzen gibt, so gibt es auch keine Grenzen der Solidarität und der Liebe. Die Pandemie fordert uns heraus, bis an die Grenzen unserer Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft zu gehen. Sie fordert uns heraus, wie Papst Franziskus es ausdrückte, „das Beste in uns zum Vorschein kommen zu lassen.“

Die Pandemie erinnert uns auch daran, wie eng wir in dieser globalisierten Welt miteinander verflochten sind und dass wir aus dieser Krise nur mit einer gemeinsamen solidarischen Kraftanstrengung kommen. "Wir können es uns nicht leisten“, warnte vor kurzem auch der Präsident des Deutschen Caritasver- bandes, Dr. Peter Neher, „derzeit nicht solidarisch zu sein. Grenzen kennt das Virus nicht. Solange es irgendwo auf der Welt grassiert und kein Impfstoff verfügbar ist, können die Versäumnisse in anderen Teilen der Welt auch uns immer wieder treffen.“

Gemeinsam sind wir alle in diese Krise geraten. Und nur gemeinsam können wir aus ihr herauskommen. Wir brauchen unsere gegenseitige Unterstützung. Die Schwächeren die der Stärkeren. Auch das sollten wir nie vergessen.

Fürbitten

Barmherziger Gott, wir beten für die Menschen, die unter den schwersten Nöten dieser Zeit auch am schwersten leiden.

  • Für all jene, die krank sind und dabei um ihr Leben bangen müssen – schenke ihnen Trost, Heil und Heilung, stelle ihre Gesundheit und ihre Kräfte wieder her und nimm ihnen all ihre Ängste.
  • Für all jene, die in aufopfernder Arbeit unermüdlich für die Kranken und Leidenden, Alten und Schwachen da sind, für Ärztinnen und Ärzte, für die Pflegerinnen und Pfleger, für alle, die humanitäre Dienste leisten – gib ihnen die Kraft, unter den besonderen Herausforderungen dieser Zeit ihre Dienste in Deiner Liebe und Deinem Geist zu leisten.
  • Für die Menschen, die wegen Terror und Krieg ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten und nun heimatlos und schutzlos im eigenen Land sind – lass sie Orte finden, an denen sie willkommen sind.
  • Für alle, die durch die Pandemie ihr Leben verloren haben sowie für all unsere Verstorbenen – nimm sie auf in Deine Herrlichkeit, wo kein Leid sie mehr trübt.

Gott, wir bitten Dich für alle, die unter den schweren Krisen dieser Zeit leiden, lass sie stets Hilfe erfahren und immer von Menschen begleitet sein, die ihnen in ihren Nöten beistehen. Lehre auch uns, an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Vater unser

Segen

Der Herr öffne Eure Augen, damit sie nie blind werden für das Leid anderer Menschen.

Der Herr öffne eure Ohren, damit sie nie taub werden für die Hilfeschreie der Verfolgten und Unterdrückten, der Flüchtlinge und Vertriebenen, für die Nöte aller Kranken und Schwachen.

Der Herr öffne eure Herzen, damit sie immer bereit sind zu helfen, wo Not ist.

Es segne euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Quelle: Caritas international
Spendenkonto: DE88660205000202020202, BICBFSWDE33KRL 
Hilfe für vergessene Katastrophen.