Impuls zum Freitag der 9. Woche im Jahreskreis - 04.06.2021


Bild von Gerhard G. auf

An manchen Tagen scheint es, als hätte ich eine große Garderobe, an der vielerlei Hüte hängen und je nachdem welche Rollen heute gespielt werden sollen, gilt es, die passenden Hüte für den Tag vom Haken zu nehmen. Und dann startet der Tag, als wäre man auf dem Faschingsball in einen Hut-Tanz geraten: Schnell wechseln die Hüte, schnell wechseln die Rollen. Nur die Musik im Hintergrund fehlt. Aber was sollte auch gespielt werden? Beethovens Neunte? Als ich gerade so mittendrin bin, die Hüte aus der Garderobe meines Lebens Tag für Tag zu jonglieren, und ich mich atemlos zur nicht vorhandenen Musik bewege, gerate ich ins Stocken.

Ich bleibe bewusst stehen und schaue mich um. Und was ich sehe, macht mich noch trauriger als mein eigenes bizarres Hut-Tanz-Schicksal: Um mich herum sehe ich viele meiner Freundinnen und Weggefährten beim gleichen Versuch, mit den Hüten aus der Garderobe ihres Lebens passgenau für all ihre Lebensrollen zu jonglieren. Und als ich heute mit einer meiner besten Freundinnen telefoniere, sagt diese zu mir, wie schön es doch wäre, wenn wir einfach nur unser Leben leben könnten!

Ist es wirklich das, was ich will? Was all die anderen, denen es genauso geht wie mir, wollen? Eine leere Garderobe ohne einen einzigen Hut, ohne eine einzige Lebensrolle?

Ich bin ihr wirklich dankbar für den finalen Schlag der großen Nachdenklichkeit. Denn mir wird augenblicklich klar, dass ich viele dieser Lebensrollen sehr gern spiele, dass ich manche auch sehr gut spiele und dass all das mein Leben ist! Jeder einzelne Hut gehört zu mir. Es ist die Garderobe meines Lebens! Und plötzlich sehe ich da einen Hut, den ich in den Turbulenzen der letzten Zeit fast vergessen habe, den ich viel zu selten getragen habe, obwohl er unheimlich gut passt: den Hut der glaubenden, vertrauenden Frau! Erstaunlicherweise muss ich ihn gar nicht abnehmen, um all die anderen Hüte aufzusetzen, um all die anderen Rollen zu spielen. Er passt überall perfekt dazu!

Dieser Hut des Glaubens und Vertrauens ist einer der wertvollsten Hüte in der Garderobe meines Lebens. Er wurde mir vor langer Zeit geschenkt. Er behütet mich im wahrsten Sinne des Wortes davor, dass mein Leben zu einem bizarren Hut-Tanz zur Musik von Beethovens Neunter wird. Dieser Hut schenkt mir die Kraft, die Rollen meines Lebens – mögen es manchmal auch sehr viele sein – mit Überzeugung zu spielen. Behütet und ausgestattet mit Glauben und Vertrauen!

(Text von Anna Rieß-Gschlößl)

Schauen Sie mal nach: Haben Sie diesen Hut auch in Ihrer Garderobe des Lebens?

Sarah Bentlage